Märchenstunde: Angst bei Hunden ignorieren statt trösten

„Du darfst einen Hund nicht trösten wenn er Angst hat, sonst verstärkst du seine Angst!“ solche und ähnliche Sätze habe ich bei meiner Recherche zu ängstlichen Hunden in Bezug auf Silvester häufig gelesen und gehört.

Selbst wildfremde Menschen die wir auf unserem Spaziergang treffen und augenscheinlich keine Hundeerfahrung haben schrecken nicht davor zurück mir solche Tipps zu geben. Da könnte ich genauso gut eine blinde Person fragen ob sie mir die Welt der Farben erklärt ….

Angst ist eine Emotion. Sie entsteht in Hirnarealen die nicht willentlich gesteuert werden können. Dieser Gefühlszustand der Angst ist lebensnotwendig. Sie erlaubt es den Tieren schnell und automatisiert auf die jeweilige bedrohliche Situation reagieren zu können ohne groß nachzudenken.

Welche Situation als bedrohlich bewertet wird entscheidet der Hund bzw. sein Gehirn dabei ganz für sich allein noch bevor eine objektive Analyse der Situation stattfinden kann.

Aber wie kommen die Menschen darauf das man Angst mit Zuwendung verstärken könnte?! Emotionen, angenehme als auch unangenehme, können zwar verstärkt werden. Allerdings gelten da bestimmte „Regeln“.

Habe ich eine angenehme Emotion und ich füge noch etwas angenehmes hinzu, wird das angenehme Gefühl noch angenehmer – also verstärkt.

Genauso verhält es sich mit unangenehmen Emotionen. Empfinde ich etwas unangenehmes und es kommt noch etwas unangenehmes hinzu, so wird die Situation noch unangenehmer.

Natürlich können Emotionen auch abgeschwächt werden. Kommt zu einer angenehmen Situation etwas unangenehmes hinzu so wird die angenehme Emotion geschwächt. Gleiches gilt auch für unangenehme Emotionen. Kommt dort etwas angenehmes hinzu, so wird die unangenehme Situation abgeschwächt.

Das heißt also, gegenläufige Emotionen können sich nicht verstärken. Aus der Sicht der Neurobiologie ist es also gar nicht möglich Angst zu verstärken wenn etwas angenehmes passiert.

Es ist also völliger Mumpitz seinen Hund im Stich zu lassen wenn er Angst verspürt. Wahrscheinlich kommt diese Idee noch aus den 1930ern als man noch davor gewarnt hatte Kindern beim Trösten auf den Arm zu nehmen oder zu sehr zu bedauern wenn sie Angst hatten. Man hatte sich in der Zeit erhofft seine Kinder nicht allzu sehr zu verweichlichen. Wie anscheinend alles andere (unsinnige) auch wurde diese „Theorie“ 1 zu 1 auf den Hund umgemünzt. „Zum Glück“ hatte sich in den 1960ern der Psychologe Harry Harlow mit der Bindungstheorie beschäftigt und eben genau das Gegenteil bewiesen, nämlich das Zuwendung und Liebe wichtig ist – nicht nur für die Mutter-Kind-Beziehung sondern auch für die spätere Beziehungsfähigkeit von Lebewesen unerlässlich ist.

Die Zuwendung, die der Hund in einer angsterfüllenden Situation bekommt, muss angenehm sein. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. beruhigende Worte, Streicheleinheiten, Entspannungssignal oder TTouch. Manchmal hilft sogar schon Kontaktliegen (beispielsweise an Silvester). Anderen Hunden wiederum hilft Futter und Bewegung. Verzichten solltest du auf hektische Gesten, schrillen Lautäußerungen oder gar den Hund zu schimpfen (Stichwort Angstaggression).

Angst muss immer beachtet werden, ein ängstlicher Hund braucht die Hilfe seiner Bezugsperson und ein Training welches ihm lernt das er keine Angst haben muss weil er eben lernt das es keinen Grund dazu gibt – nicht weil jemand von ihm erwartet seine Angst auszuhalten oder zu ignorieren. Denn dann sprechen wir vom deckeln und erschaffen uns eine tickende Zeitbombe.

4 Kommentare

  1. Danke für den tollen Artikel. Du sprichst mir aus der Seele. Wie oft habe ich wegen Charlys Ängsten den Rat bekommen, ihn ja nicht zu trösten?!

    Zum Glück habe ich auf den Blödsinn nicht gehört. Gerade wenn ein Hund Angst hat braucht er unsere Zuwendung. An Silvester habe ich mich ganz nah an Charly gekuschelt und ihn gestreichelt. Seine Angst ging dadurch nicht weg, aber er war wenigstens nicht alleine.

    Liebe Grüße
    Sonja und Charly

  2. Ein großes Kompliment für den tollen Artikel! Zum Glück ist Chiru kein ängstlicher, sondern nur ein manchmal unsicherer Hund. Diese Unterscheidung ist für mich im Alltag sehr wichtig, weil man mit beidem anders umgehen muss, meiner Meinung nach. Sobald ich merke das er zögerlich reagiert versuche ich ihn zu bestätigen in dem ich betont positiv bin. Ich stupse ihn an und versuche mit dem Tonfall rüberzubringen „alles easy und toll – schau wir haben Spaß – alles gut…“ Würde ich ihn in der Situation bestätigen „komm du armer, ich bin bei dir, du schaffst das“ mit mitleidigen Ton würde die Unsicherheit glaube ich eher in Angst umschlagen. In Situationen in der er aber wirklich Angst hat versuche ich einfach bei ihm und für ihn da zu sein.
    Liebe Grüße Sali

  3. wuff

    also wenn mein Frauchen meine Ängste einfach nur ignorieren würde, anstatt sie ernst zu nehmen, dann wäre sie nicht mein Frauchen/Chef/wie auch immer man sein Zweibein dann nennen mag/…

    Hunde wollen in Angstphasen weder übermässig bemitleidet noch ignoriert werden.

    Bei Angst oder unsicherheit brauchen wir unsere Zweibeiner am meisten.

    selbstsichere Grüße von Shila

  4. mein frauchen macht auch immer den fehler mich zu bemitleiden wenn ich angst habe, SIE NIMMT MICH DRAUßEN SOGAR AUF DEM ARM WENN EIN HUND MICH BLÖD ANGUCKT!!

    ich weiß, das sollte sie nicht tun, macht sie aber und mir gefällt das*schäm

    habt ein schönes wochenende und morgen einen gemütlichen valentinstag,

    luana ♡

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